Interview

Iris Gleicke im Gespräch mit SUPERillu zu Rechtsradikalismus in Ostdeutschland und dessen mögliche Folgen

"Die große Mehrheit der Ostdeutschen ist weder intolerant noch rechtsradikal."

Datum: 14.10.2016

Auf ihrem Schreibtisch steht ein kleiner Trabi, rechts stapeln sich Zuschriften, die Iris Gleicke, 52, noch unbedingt beantworten will. Die Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundeswirtschaftsminister ist Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, gleichzeitig aber auch zuständig für Tourismus und Mittelstand. In ihrem letzten Bericht zum Stand der Deutschen Einheit hat die SPD-Politikerin und gebürtige Thüringerin eindringlich vor den Folgen des Rechtsradikalismus in Ostdeutschland gewarnt und sieht inzwischen sogar das Label Made in Germany in Gefahr.

SUPERillu: Frau Gleicke, in Ihrem Bericht zur Deutschen Einheit haben Sie deutliche Worte gefunden. Wie waren die Reaktionen?

Iris Gleicke: Es gab sehr viel Zustimmung und Anerkennung. In vielen Zuschriften ist mir ausdrücklich gedankt worden, dass ich ein lang todgeschwiegenes Problem nun beim Namen genannt und thematisiert habe. Aber es gab auch Kritik und Beschimpfungen, - Nestbeschmutzerin war dabei noch eine harmlose.

SUPERillu: Viele Ostdeutsche, vor allem die Sachsen, fühlen sich stigmatisiert und an den Pranger gestellt ...

Iris Gleicke: ... was niemand will und was auch nicht richtig wäre. Denn die große Mehrheit der Ostdeutschen ist weder intolerant noch rechtsradikal. Aber wenn bundesweit jede zweite Gewalttat mit rechtsextremem Hintergrund in den neuen Bundesländern passiert, obwohl im Westen viermal so viele Menschen wohnen, dann haben wir ein Problem. Das müssen wir lösen und dürfen davor nicht die Augen verschließen. Schönreden hilft nicht weiter. Wir haben 1989 eine friedliche Revolution für Freiheit und Demokratie geschafft. Das positive Bild, das damit verbunden ist und um die Welt ging, dürfen wir uns jetzt nicht von Hetzern kaputtmachen lassen. Das hätte auch wirtschaftlich fatale Folgen.

SUPERillu: Wie meinen Sie denn das?

Iris Gleicke: Deutschland ist eine Exportnation. Wir profitieren vom Freihandel und einer offenen Gesellschaft. Das steht auf dem Spiel. Wenn ich mit ostdeutschen Unternehmern in Japan oder in den USA im Silicon Valley unterwegs bin und die Werbetrommel für den Standort Ostdeutschland rühre, von potentiellen Investoren aber besorgt gefragt werde, was denn da bei uns los ist und ob ihre Fachkräfte bei uns noch sicher sind, dann ist das schon mehr als bedenklich. Das sind Warnsignale, die wir ernst nehmen müssen und die sich negativ auf die Auslandsinvestitionen auswirken können.

SUPERillu: Übertreiben Sie nicht? In Dresden sinken zwar die Übernachtungszahlen, bei ausländischen Touristen sind sie aber stabil.

Iris Gleicke: Es macht mir Sorge, wenn ich höre, dass inländische Touristen ausbleiben, weil sich das gesellschaftliche Klima ändert und sich Besucher nicht mehr wohl fühlen. Wirtschaftliche Veränderungen passieren nicht über Nacht. Es sind vielmehr Prozesse, die in Gang gesetzt werden. Deswegen können solche Ausschreitungen wie in Heidenau oder zuletzt bei den Feierlichkeiten zur Deutschen Einheit dauerhaft das positive Image unseres Landes im Ausland schädigen, das sich dann letztlich auch auf das positive Label Made in Germany negativ auswirken könnte.

SUPERillu: Im kommenden Jahr feiern wir das Luther-Jahr. Viele Besucher aus den USA werden erwartet. Die Deutsche Tourismus-Zentrale hat viel Werbung gemacht. Fürchten Sie, dass Auslandstouristen ausbleiben?

Iris Gleicke: Ich glaube fest an den Erfolg des Luther-Jahres. Aber wir müssen jetzt gegensteuern und den gesellschaftlichen Diskurs weiterführen, den wir jetzt begonnen haben. Ostdeutschland muss sich als ein weltoffenes Land präsentieren, mit einer Willkommenskultur, die sich nicht nur auf Touristen beschränkt.

SUPERillu: Muss die Wirtschaft mehr Flagge zeigen?

Iris Gleicke: Das wünsche ich mir. Unternehmer müssen klar machen, dass Ostdeutschland tolerant und offen ist. Hier müssen sie mit an vorderster Front für das Image unseres Landes kämpfen. Aber das erwarte ich mir auch von dem Großteil der ostdeutschen Bevölkerung. Die bislang schweigende Mehrheit darf dieser kleinen radikalen Minderheit nicht mehr länger die Straße überlassen. Wenn wir uns alle gemeinsam unterhaken, haben die Rechtsradikalen keine Chance mehr. 

Quelle: SUPERillu, 14.10.2016

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